Buchenwald

- Über die Selbstbefreiung der Häftlinge von Buchenwald vor 64 Jahren (der Link zu http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wirerinnern/363001/ ist leider gebrochen)
- Zur Frage  des perversen Präparierens von Menschenhaut
- Das Thema "Selbstbefreiung - ja oder  seitens der Amis?" wurde unten angefügt.
# Buchenwald und Bruno  Apitz - ein JW-Artikel
 


 
 
Primo Levi

Ist das ein Mensch?

Ihr, die ihr gesichert lebet In behaglicher Wohnung; Ihr, die ihr abends beim Heimkehren Warme Speise findet und vertraute Gesichter: Denket, ob dies ein Mann sei, Der schuftet im Schlamm, Der Frieden nicht kennt, Der kämpft um ein halbes Brot, Der stirbt auf ein Ja oder Nein, Denket, ob dies eine Frau sei, Die kein Haar mehr hat und keinen Namen, Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat. Leer die Augen und kalt ihr Schoß Wie im Winter die Kröte. Denket, daß solches gewesen, Es sollen sein diese Worte in euren herzen. Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen, Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht; Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen, Krankheit soll euch niederringen, Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.
 


  

Die BADISCHE ZEITUNG aus Freiburg äußert sich anlässlich des 60.
Jahrestages der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager: "Die Wahrheit ist nicht immer bequem. Jorge Semprun, Schriftsteller und Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, provozierte Unmut, als er darauf hinwies, dies sei wohl die letzte große Gedenkfeier, an der noch Zeitzeugen teilnehmen könnten. In zehn Jahren werde es keine Überlebenden mehr geben. Die Prognose ist nicht gewagt: Die meisten der noch lebenden ehemaligen KZ-Häftlinge haben inzwischen die Achtzig überschritten. Die Zeitzeugen sterben langsam aus. Doch mit ihnen darf nicht die Erinnerung verblassen. Erst nach ihrem Tod wird sich herausstellen, wie gut wir Deutschen unsere Lektion gelernt haben: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz."

Keine Info zum Hintergrund des Unmuts in der Badischen Zeitung. Die Leipziger Volkszeitung stellt längst beantwortete Fragen und schreibt: "Das westliche Buchenwald-Bild prägte ein anderer Zeitzeuge: der spanische Ex-Kommunist Jorge Semprśn. Sein Roman "Was für ein schöner Sonntag" von 1980 erzählte auch vom Lagerbordell, vom Schwarzmarkt der Russen, von der Angst vor dem SS-Mann und der Furcht vor dem fiesen roten Kapo - wie die Führer der Selbstverwaltung genannt wurden."

Es geht also um eine bestimmte politische Haltung Semprouns, die sich in seiner Sicht der Realität (höflich formuliert) niederschlägt. Konkret bei der Gedenkfeier: nahezu triumphierend rief er den Zwischenrufern aus dem Publikum (immerhin waren fast 500 Ex-Häftlinge gekommen, die es seltsam fanden, von Semproun als  in 10 Jahren sicher tot erklärt zu werden ) zu, sie möchten doch bitte auf das Folgende warten. Und das war die Aussage, durch die zigtausend Kinder und  Jugendliche, die noch 1944 zur Vernichtung verschleppt wurden (und dener die Deusche Bahn übrigens nicht gedenken will, wie auf dieser Webseite berichtet), und die nahezu alle wegen ihres Judentums dieses Schicksal erleiden sollten, seien auch in 10 Jahren noch Zeitzeugen da. Aber eben jüdische. Die Erinnerung werde eine jüdische Erinnerung sein, soweit lebende Zeitzeugen gefragt würden. Das ist nicht falsch. Aber was will uns Jorge Semprśn damit sagen  ? Die Sinti und Roma wurden z.B. schon von einem Aktivisten der Nachfolgegeneration, Rose, vertreten. Und es gibt KONKRETE Buchenwalder - verstorbene und quicklebendige - die etwas zur Geschichtsklitterung a la Jorge Semprśn ausgesagt haben und aussagen.

Da haben wir Willi Bleicher, den knorrigen Gewerkschafter, dem in Stuttgart immer ein ehrendes Angedenken bewahrt werden wird. Er war es, dem Bruno Apitz  in seinem Buch "Nackt unter Wölfen" ein Denkmal setzte.Bleicher (1907-1981) war als Bezirksleiter der IG-Metall Vorbild für kämpferische Gewerkscafter in ganz Deutschland. Da haben wir das »Buchenwaldkind« Stefan Jerzy Zweig.  Da gibt es - und hier zeigt sich, wie Zeitungsredaktionen vorhandenes Wissen nicht mehr verwerten, einfach nur schlampig dahinkritteln, Franz Spindler, der am 24.März 1943 im südbadischen Herbolzheim mitsamt seiner Familie in Richtung Auschwitz verschickt wurde. Franz Spindler wurde - nachlesbar in der BZ vom 3.April 1997 auf der dritten Seite - von eben der BADISCHEN interviewt. Auch er war einer von denen, die durch die Selbstbefreiung von Buchenwald überlebten.

Die BADISCHE ZEITUNG weiß also (der Kommentator kann und müßte es zumindest wissen), was in Buchenwald vor sich ging. Und weshalb Semproun "Unmut" erntete. und weshalb eben DER nach vorne gestellt wird beim Buchenwald-Gedenken - in Schröders Zeiten. Schröders Redenschreiber hat nach vielen guten und richtigen Zeilen (bei der Würdigung der Schriftsteller wurde -unerfindlich, warum- Meister Semproun vergessen! ) Folgendes einbauen müssen: "Es hat aber auch eine zweite, weniger bekannte Geschichte  - eine Geschichte des Stalinismus, die nicht vergessen werden darf. Aus dem KZ Buchenwald wurde bis 1950 das sowjetische Speziallager Nr. 2. " Wieder geklittert. Der Fakt stimmt. Aber er läuft auf eine Gleichsetzung hinaus. Die ersten Gefangenen nach der Naziherrschaft - wer waren denn das ? Es waren die SS-Leute, die nicht vor den bewaffneten Häftlingen hatten fliehen können. Und wurden diese sowie weitere in Weimar eingesammlete Nazis von den Amis dann etwa freigelassen? Von den Häftlingen in Haft genommen, ein Vierteljahr dann auch von den US-Truppen, dann von den Sowjets, das waren die Leute, die der Kanzler "aber auch" erwähnen mußte. Zu den "aber auch" seinem Gedenken unterworfenen Neubewohnern von Buchenwald gehörten -neben fürchterlichen Justizirrtümern wie z.B.  im Fall Ernst Busse, die es gegeben hat in diesen Zeiten-  also vornehmlich die "Kollegen der "Bitch of Buchenwald". Das war der US-Spitzname von Ilse Koch, derer hier sehr kompetent zwei Schülerinnen "gedenken".  Die "weniger bekannte Geschichte" der Inhaftierung der SS-Leute und Nazis wurde übrigens ganz bestimmt nicht von der Gedenkstättenleitung verschwiegen. Nie. Man war ja stolz darauf ...
Ob sich Schröder die Genickschußanlage oder die Lampenschirme aus Menschenhaut wohl angesehen hat ? Ob er wohl mehr als nur ein Wort mit den US-Veteranen gesprochen hat, die ja auch in Weimar dabei waren und die die "Umkehrung der Haft" erlebt hatten ?
Wie muß sich einer der von Semproun als "bald tot" angesprochenen "Jungs von Buchenwald" fühlen - allesamt etwa im Alter von Otto Schily ? Putzmunter sind sie, zum Glück noch unter uns, und viele von Ihnen werden auch noch in 10 Jahren bezeugen können, was in Buchenwald geschah.



Anmerkung:
heute, am 15.4.05, erhielt ich eine email folgenden Inhalts:

"So sehr ich Deinem Buchenwaldartikel zustimme, aber: Lampenschirme aus Menschenhaut hat es NIE gegeben. Dieses wurde mittlerweile als Märchen entlarvt.
Du solltest Deine ansonsten guten Artikel nicht Angriffen aussetzen, indem Du hundertprozentig widerlegte Dinge als Tatasachen darstellst!."

Die Zuschrift wirkt freundlich ("Du" sowie das Lob), Grund genug, der Sache nachzugehen. Auf MAI gibt es keine Falschmeldungen, alles ist dokumentiert, und das bleibt auch so. "hundertprozentig widerlegt" ! Da kommt man schon ins Grübeln. Von wem wo wie widerlegt- da schweigt sich der email-Schreiber allerdings leider aus. Darauf kann ich also auch nicht antworten.

Nun kann mich ja eine mehrere Jahrzehnte alte Erinnerung trügen. Was hatte ich denn in Buchenwald gesehen? Was sagt mein Papierarchiv ?

1. Der Plural ist falsch. Es ist immer von einem ( 1 ) Lampenschirm der Ilse Koch die Rede - und von unzähligen Präoaraten. Von denen hatte ich wohl einige gesehen und in Erinnerung - so wie die Genickschußanlage.

2. Konkrete Quellen: der Lagerprospekt von 1976, Redaktion Annadora Miethe, enthält auf der fünften Seite nach der Mittelfalz Fotos eines "Schrumpfkopfs" sowie anderer Präparate - alle aus dem Lagerarchiv.

3. Die Oswald Schnell GmbH, Leipzig o.J. druckte eine Kollektivarbeit von Buchenwaldhäftlingen "Das war Buchenwald", herausgegeben von der KPD. Sowohl der herausgeber als auch die GmbH bestätigen den Eindruck des vergilbten Papiers: das stammt aus 1945 oder 46.

4. Auch Eugen Kogons "Der SS-Staat" liegt mir als Erstausgabe im Original vor /Druckhaus Tempelhof, genehmigt von der Amerikanischen Militärregierung, Verlag der Frankfurter Hefte, Berlin o.J.) Kogon hatte das Manuskript im Dezember 45 fertig, er war uns danach noch jahrzehntelang als hervorragender Dokumentarist in Presse und TV bekannt. Kogon schreibt (er war selbst Häftling in Buchenwald) auf S. 149: "Koch selbst hat sich eine Tischlampe aus Menschenknochen, mit Menschenhaut bespannt, "kunstvoll" anfertigen lassen." Hintergrund war neben Hauptstirmführer Müller ein S-Lagerarzt Dr. Wagner, der an einer Doktorarbeit über Tätowierungen arbeitete - und sich dieselben am "lebenden Objekt" aussuchen konnte.

Ich habe somit neben meiner eigenen Erinnerung diverse "hautnahe" Quellen für meine Behauptung der Existenz einer Tischlampe. Die Lampe selbst ist jedoch nirgends abgebildet - nur sehe ich nicht den Hauch einer Begründung für einen Zweifel an deren Existenz - selbst wenn sie mittlerweile oder damals schon vernichtet worden sein sollte. Dies alles wurde innerhalb weniger Minuten recherchiert. Das Internet gibt auch etwas her:

Quelle Quellenkritik: woher die Abbildung stammt, ist der Quelle nicht zu entnehmen. Die Fotos sind nicht identisch mit den mir vorliegenden im Lagerprospekt (incl. präpariertem Menschenkopf). Aber sie sind immerhin digital in guter Qualität verfügbar. Originale und Fotos können in Buchenwald gerne verglichen werden .... 
Auch verfügen Universitätsbibliotheken über Material, das hier nicht ausgewertet wurde. 

Und wie gesagt: die Zeugen leben noch !

Welche Chuzpe, unter diesen Umständen von "hundertprozentiger Widerlegung" zu sprechen. Selbst wenn es "nur" ein unhinterfragtes "Argument" von Nazis sein sollte. Leuten, denen es durchaus egal ist, ob nun Taschen, Sitzpolster oder eben Lampenschirme aus der Haut der Ermordeten gemacht wurde.
Der Autor dieser Zeilen hat allerdings schon viele Politiker mir treuen Augen einen geradlinig anlügen sehen, daß er eigentlich nicht schockiert sein sollte. Isser aber. Immer wieder.


Nach dieser Erläuterung meldete sich der Leserbriefschreiber wieder und blubberte  fröhnlich, ich hätte nicht Neues geschrieben. Aber einen Beleg für seine eigene Behauptung (derartige Lampenschirme habe es nie gegeben, das sei alles widerlegt) bleibt er weiterhin schildig. Man muß das wohl als einen schlapen versuch eines Neonazis ansehen, mich aus dem Konzept bringen zu wollen.


Ein anderer Leserbriefschreiber meldete sich wie folgt:

"Ich weis ja nicht, wie der Emailschreiber vom 15.4. auf diesesn Satz kommt: 
"Lampenschirme aus Menschenhaut hat es NIE gegeben. Dieses wurde mittlerweile als Märchen entlarvt." 
Aber ich weiss, dass es sie gibt, weil ich einen gesehen habe, bevor ich anähernd genug über Geschichte wusste, um zu Wissen, welchem Kontext das Teil entstammt. Auf dem Schreibtisch meines Grossvaters stand so eine Lampe. 
Ich erinnere mich noch, dass ich meinen Vater fragte, ob das Menschenhaut sei, weil das "Leder" typisch menschliche Merkmale wie Leberflecken hatte. 
Er behauptete das sei Schweinsleder, ich solle mir da keine Gedanken machen. 
(Leder für eine Lampe kam mir generell schon komisch vor) Die Lampe hat mich immer extrem "Gegruselt". Eineinhalb Jahrzehnte, mittlerweile mit etwas Geschichte vertraut, bin ich im Internet auf die Suche gegangen und fand 
eine Abbildung exakt einer solchen Lampe, und zwar hier: 
http://www.scrapbookpages.com/DachauScrapbook
/DachauTrials/IlseKoch.html

Ich habe allerdings keine Ahnung, was aus der Lampe geworden ist, mein Grossvater ist schon lange verstorben, mit meinem Vater hatte ich seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr."

Danke für die Ergänzung.


Dieser US Dokumentarfilm zeigt  Buchenwald  kurz nch der befreiung: incl. der Hautpräparate, incl. dem Lampenschirm und mit Schrumpfköpfen

Evidence of the Holocaust - The Nazi Concentration Camps 01


Screenshot aus dem Film: das bekamen die Einwohner weimar zu sehen - rechts der Lampenschirm.

Eine Anmeldung bei youtube erforderlich!
Der Film macht leider keine Angaben zur Selbstbefreiung, reklamiert aber auch nicht  eine Befreiung  seitens der US-Army.


Selbstbefreiung

Die Zahl der Geschichtsleugner und -verfälscher nimmt nicht ab. So wird seit einiger Zeit  die Selbstbefreiunug Buchenwalds in Frage gestellt.

- Mal  zogen die SS-Wachmannschaften einfach ab, sie hatten was Besseres zu tun, wollten noch gegen die Amis kämpfen oder zu Muttern an den Herd. Das ist die Propagndaversion "Frontbegradigung", die wir aus den Wochenschauen der Nazis kennen:  Die Nazis als Handalnde, nicht als Getriebene.

- Mal Haben die Amis Buchenwald befreit. Das ist die Version "transatlantische Dankbarkeit" mit der Spitze des demokratischen Präsidentschaftskandidaten in spe Obama, der behauptete, sein Opa habe Auschwitz befreit. In korrigierter Fassung hatte er Buchenwald befreit. Zumindest ein Außenlager.
 


[US-Truppen  zwingen die Bevölkerung Weimars, sich  das KZ anzuschauen]
 

Mal wird das Argument bemüht, vor dem Eintreffen der ersten US-Vorausabteilungen habe das Lager 4 Stunden lang einfach so herrenlos herumgelegen.

- Mal wird aus der negation positiv geschlossen: da  das Buch von Bruno Apitz und der Film "Nackt unter Wölfen" bekanntlich Fiktion gewesen seien (als habe irgendjemand behauptet, ein Roman sei eine Dokumenmtation), müsse man im Umkehrschluß davon ausgehen, an der Schilderung Apitz` stimme nichts. Insbesondere nicht die Selbstbefreiung. Alles DDR-Propaganda, um den Amis  das Lob für die Buchenwald-Befreiung verwehren zu können.


[erschossene KZ-Aufseherin: nicht von US-Truppen!]

Seltsamerweise  gibt es diese Hatz gegen eine selbstbefreiung erst jetzt. Als Kogon und Carlebach, Willy Bleicher (allesamt keine DDR-Bürger) noch lebten, wäre ein Leiter der Buchenwald-Gedenkstätte auf so etwas Absurdes nicht gekommen: aus der Zahl der Gewehre ("nur" 70! In der Hand von KZ-Häftlingen!) zu schlußfolgern, damit habe eine  Selbstbefreiung nicht stttfinden können. Nun hat niemand von iner Panzerschlacht zwischen SS-Wachleuten und Häftlingen berichtet, die 1942 stattgefunden hätte. Natürlich  konnte die befreiung erst zu einem gewissen zeitpunkt stattfinden: nach Schwächung der SS und unter dem Aspekt der herannahenden Alliierten - in diesem Falle  der US-Army. 

Es folgt die Schilderung aus der  bereits erwähnten Lagerbroschüre aus dem Jahre 1946. Als eine DDR noch nicht in Sicht war, als Bruno Apitz keine zeile geschrieben htte, als zigtausende Häftlinge  das gegenteil hätte behaupten können.

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Die Schilderung der Selbstbefreiung in der Lagerbroschüre des Jahres 45 oder 46 (OCR-Scan):

" ...geplant war. Die Erlebnisse der Evakuierten waren zum Teil so schrecklich, daß man annehmen muß, daß auch in dieser Stunde die Faschisten ihre Einschätzung des menschlichen Lebens nicht geändert haben und daß es doch das beste ist, sich auf die eigenen Waffen zu stützen. Die amerikanischen Panzerspitzen und die Jabos über dem Lager, die vorhandenen Waffen zum Gebrauch bereit, so wäre jede aggressive Handlung der Faschisten scharf zurückgewiesen worden. Gleichzeitig mit dem Erscheinen neuer Jagdbomber um 11.45 Uhr ertönte die bisher nur probeweise benutzte Feindalarmsirene. SS-Leute rannten herum und suchten von ihrem Raubgut zu retten, was sie nur konnten. Der Kommandant Pister war schon vorher mit seinem Mörderstab abgefahren und um 12.10 Uhr hörten die Häftlinge zum letztenmal die verhaßte Stimme des Rapportführers Hofschulte: „Sämtliche SS-Leute aus dem*Lager!" In Hochspannung verrannen die letzten Minuten. Langsam kreisten in geringer Höhe Aufklärer. MG.-Salven knatterten unaufhörlich.
Dazwischen hörte man die Abschüsse aus Panzerkanonen. Der Kampf lärm wurde immer deutlicher. Auf Dächern und auf jedem erhöhten Platz standen Häftlinge und sahen ins Tal hinab. Scherenfernrohre tauchten auf und man suchte festzustellen, ob die Kampfhandlungen in Hottelstedt, einem etwa l km vom Lager entfernten Dorf, klar ausgemacht werden konnten. Die Mühle brannte. Das war die Ostseite. Also schössen die Deutschen dorthin und demzufolge mußten die Amerikaner im Dorf sein.
Um 14 Uhr marschierte eine Kompagnie SS-Reserve in Richtung Front, bog dann aber ab, um sich in Richtung Osten „abzusetzen". Panzerfäuste waren auf den Türmen verteilt. Um das Lager herum wurde noch immer gewühlt, um Löcher für die Panzerspitzen zu schaffen. Da krachte es im Wald. Hinter dem Wald gingen große, schwarze Rauchpilze hoch. MG.-Schüsse gellen auf, Tiefflieger schießen zur Erde. Das müssen flüchtende Panzer sein!
Wie vom Fieber geschüttelt liegen die bewaffneten Stoßtrupps des Lagers hinter Hügeln, zum Sturm auf den Zaun bereit. Noch immer kein Befehl zum Eingreifen. Im oberen Kommandanturbereich ist es noch ruhiger. Jemand ruft die Posten von den Türmen. Zwei SS-Ru.ssen drücken sich aus der Feuerlinie. Ein russischer Häftling ruft ihnen zu, die Waffen wegzuwerfen. Sie tun es. Der Sturm bricht los. An fünf, sechs Stellen wird der Zaun zerrissen. Schüsse fallen in nächster Nähe. Über den Appellplatz rast eine Gruppe von Bewaffneten.
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Lagerältester Eiden an ihrer Spitze. Es passieren auch schon die ersten Panzer die Straße nach Hottelstedt-SS-Revier. Sie dringen in das Rommandanturbereich ein und durchfahren es, ohne sich aufzuhalten, in Richtung Weimar. Am Tor wurde die schwerbewaffnete Wache überwältigt. Kameraden vom Lagerschutz erstürmten den Turm, montierten das schwere MG. ab. Die ersten Handgranaten und Panzerfäuste wurden erbeutet. Auch an der hinteren Seite des Lagers wurden die Zäune durchbrochen und die Wachtürme gestürmt.
Buchenwald in den Händen der Antifaschisten
Um 15.15 Uhr flattert die weiße Fahne auf dem Turm 1. Das Lager rast. Alles will Waffen und drängt nach außen. Die Kasernen werden gestürmt. Überall werden Waffen erbeutet, ins Lager gebracht und neue Gruppen mit ihnen ausgerüstet. Die ersten Gefangenen werden eingebracht. Der Lagerälteste schickt seinen ersten Atsiiuf durch das Mikrophon: „Kameraden! Die Faschisten sind geflohen. Ein internationales Lagerkomitee hat die Macht übernommen. Wir fordern euch auf, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Das Lager wird gesichert. Bleibt, soweit ihr nicht eingeteilt seid, in den Blocks!" Das Lager jubelte und blieb nicht in den Blocks. Jeder wollte eine Waffe und wollte dabei sein. Ein seit 1933 in Haft befindlicher Kommunist begrüßte die ersten, den Durchbruchspanzern folgenden Spähwagen und gab ihnen t Auskunft. Ununterbrochen rollten die Panzer über die Straße. Laufend wurden SS-Leute, Soldaten und in Uniform gesteckte Hitlerjungen-eingebracht. Das Schlachtfeld war mit abgerissenen Achselstücken und den sonst so beliebten Sternen bedeckt. Zwei tote SS-Leute lagen an der Straße... Einer der gefährlichsten SS-Männer, die Buchenwald kennengelernt hat, - SS-Unterscharführer Heinrich -suchte in gestreifter Häftlingskleidung das Weite. Er wurde erkannt und eine Salve aus der Mpi setzte seiner schwarzen Seele ein Ende.
Das internationale Komitee hatte sofort nach Auftauchen der ersten Panzer seine Arbeit aufgenommen, und als gegen Abend die ersten amerikanischen Offiziere den Kommandanturbereich betraten, war bereits durch die militärische Leitung eine Sicherheitskette um das ganze Lager gezogen... Die amerikanischen Offiziere sprachen sich anerkennend über das tatkräftige Handeln der Häftlinge aus und sagten, nachdem sie über die Lage informiert waren, alle mögliche Hilfe zu.
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Die Schlacht um das Konzentrationslager Buchenwald war geschlagen und gewonnen. Zwei Kameraden mußten am Tag der Befreiung sterben. Im ersten Getümmel des Sturmes traf sie die Kugel.
21000 Häftlinge des KZ. Buchenwald sind frei! Hunderte von Häftlingen, seit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Gefangenschaft, unter dem schrecklichsten Terror, den die Geschichte bisher kennengelernt hat, Tausende, die mehr als fünf Jahre in dieser Hölle Buchenwald geschmachtet haben, sind frei!
Frei! Sie dürfen nicht mehr geschlagen werden! Man darf sie nicht mehr treten und auspeitschen, man darf sie nicht mehr erschießen. 21000 Häftlinge sind wieder Menschen geworden! Sie dürfen wieder an die Heimat denken, an ihre Rückkehr in die Heimat glauben, glauben auch an das Wiedersehen mit Menschen, die ihnen in all den Jahren genommen waren. Und wenn der Vater nicht mehr das Kind findet und einem erwachsenen Menschen die Hand drückt, wenn der Mann, der die junge Frau verlassen, hat, nun eine von Gram verhärmte Frau wiederfindet, es war nicht umsonst. Die Knechtschaft ist zu Ende. Die faschistische Bestie liegt im Verrecken.
Rudi Jahn, Leipzig, Buchenwald-Häftling Nr. 5495 unter Verwendung des Materials des internat. Lagerkomitees,
Das befreite Lager Buchenwald
Nachdem das internationale Lagerkomitee, bestehend aus einer Anzahl bewährter antifaschistischer Kräfte aller Nationen, die Macht im nunmehr befreiten Konzentrationslager Buchenwald übernommen hatte, begann der letzte Abschnitt der Geschichte des Lagers.
Die Antifaschisten aller Nationen, die bisher unter Lebensgefahr ihre unterirdische politische Arbeit leisten mußten, konnten nun offen auftreten. Überall wurden Büros der antifaschistischen Landsmannschaften eröffnet, politische Versammlungen der verschiedenen Nationen durchgeführt und die Vorbereitungen für die Heimreise getroffen.- Es galt vor allen Dingen die Antifaschisten aus den einzelnen Teilen und Städten Deutschlands, aus den verschiedensten europäischem Ländern für den späteren Kampf zur restlosen Ausrottung der Hc.slit des Faschismus in der Heimat zu organisieren und politisch JIIIH'/.II-richten: Überall sah man Plakate, Transparente und handgem;illr MI geschriebene Wandzeitungen in allen Sprachen Europas. Übor <lr
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Aufmarsch der Buchenwalder Antifaschisten
Lager auf allen Baracken wehten die Fahnen der europäischen Nationen, und die roten Freiheitsfahnen kündeten den Anbruch einer neuen Epoche der Freiheit für unser armes, vom Faschismus vergewaltigtes und mißhandeltes Europa. Der Wind einer jungen Freiheit wehte verheißungsvoll durchs Lager.
Der erste Freiheitsappell
Als erste Maßnahme wurde sofort mit der bisherigen Praxis der SS-Lagerführung gebrochen, die gesamten Insassen des Lagers morgens und abends zu bestimmter Stunde auf dem Appellplatz zum sogenannten Zählappell zu befehlen. Tausenden von Häftlingen hatte in den vergangenen Jahren das oft drei- bis vierstündige nutzlose Stehen im Wind und Regen, in sengender Hitze, in Frost und Schnee das Leben gekostet oder die Gesundheit zerrüttet. Damit war jetzt ein- für allemal Schluß. Am 12. April fand der erste Freiheitsappell und damit zugleich auch der letzte Appell im Lager statt. Dieser erste Freiheitsappell war ein sichtbarer Ausdruck eines neuen Abschnittes der Geschichte des Lagers.
Mit wuchtigen Schritten und erhobenen Köpfen, ganz anders als all die Jahre hindurch, die Lieder der Heimat auf den Lippen, so marschierten die einzelnen Nationen auf. Die Lagerkapelle spielte Lieder, 117"

Ausmarsch der überlebenden kinder und jugendlichen:


 


Sogar in dieser Website, die  die "heutige" politisch opportune Sicht auf die Befreiung referiert, wird der  Ruf: "Kameradem, das Lager ist in unserer Hand" geschildert.

Wieviel Antikommunismus, wieviel Haß muß in den erbärmlichen Kreaturen stecken, die  sowohl die Hautpräparate  als auch die selbstbefreiung leugnen. 
Und das  im Jahre 2008. Dieses Pack ist gemeint, das Brecht  anging mit dem "der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch". Sie leugnen die Verbrechen der Dalai-Lama-Sekte in Tibet, die verbrechen der nazis, den Kampf dagegen  und die Verbindung der tibetichen und deutschen Nazis.
 

Im übrigen bewundere ich Frau Klarsfeld.
(c) Andreas Hauß, April 2005, ergänzt Mai 2008+09, medienanalyse-international.de